Postmodernes Fabulieren –

über media transforming reality

It’s only in my head but I like it

Bücher oder Anthologien, die sich mit den "Wirklichkeitsprägungen" beschäftigen, die globale Datennetze und Virtuelle Realitäten in der Welt vollziehen, bieten dem Beobachter derzeit wenig Aufregendes. Nahezu alles ist über die Veränderung von Wahrnehmungsweisen und Denkgewohnheiten, über die Erweiterung, Intensivierung und Vervielfältigung von Kommunikationsmöglichkeiten, über die Chancen und Risiken der von medial-technischen Dispositiven gesteuerten Weltgesellschaft gesagt; vieles davon bis zum Überdruß ausgewalzt, wiederholt und in Ton, Schrift und Bild verbreitet worden.

Merkwürdigerweise hat sich der sogenannte Postmodernismus dazu bislang kaum explizit oder dezidiert geäußert. Außer wenigen Wortmeldungen, die auf die Apriorität des Medialen bei der Wahrnehmung gezielt oder den Übergang von einer schrift- zur bild-gestützten Wahrnehmung betont haben, sind ihre Vertreter merklich stumm geblieben. Zumindest hierzulande sind sie nicht mit gescheiten Formanalysen dazu in der Öffentlichkeit aufgefallen. Dieser Tatbestand verwundert und überrascht. Immer wieder haben Postmodernisten nämlich in ihren Texten auf den Anteil, die Wichtigkeit und die Bedeutung neuer Medientechnologien beim soziokulturellen Wandel hingewiesen, sich die Gleichung: Postmoderne = Zunahme und Pluralisierung von Benutzeroberflächen theoretisch zu eigen gemacht und dies zugleich als Beleg für die Gültigkeit postmoderner Doktrinen gewertet.

Postmoderne Unverbindlichkeiten

Aus diesem Grund ist es durchaus zu begrüßen, wenn die Philosophen Gianni Vattimo und Wolfgang Welsch Verfechter des postmodernes Genres um sich geschart haben, um von dieser Warte aus zu versuchen, die medialen Eskalationen der letzten Jahre historisch zu sondieren, sie in ihren gesellschaftlichen Effekten zu reflektieren und Aussagen dazu kritisch zu hinterfragen.

Das Ergebnis dieses Versuchs fällt für denjenigen, der ein gesteigertes Interesse für eine Medientheorie hegt, die wieder in der Lage ist, gesellschaftsrelevante Aussagen zu treffen, mitunter kärglich, um nicht zu sagen, kläglich aus. Und das gleich in mehrerlei Hinsicht. Zum einen liegt dies vor allem und zuerst an den theoretischen Schwächen, die dem Postmodernismus von Anfang an begleitet haben. Den eklatanten Mangel an begrifflicher Klarheit und analytischer Schärfe in den Aussagen und Beschreibungen konnten Postmodernisten leider niemals ausräumen. Anstelle von Methoden- und Formstrenge im Theoriedesign, die beispielsweise die viel luzider und differenzierter argumentierende Systemtheorie oder die historisch orientierte, auf genaue Quellenauswertung achtende Diskurs- und Medienanalyse auszeichnen, wuchern hier Metaphern oder bestellen begriffliche Unbestimmtheiten das diskursive Feld, die so oder so gelesen oder gedeutet werden können. Dies erstaunt, haben doch gerade die Kulturwissenschaften sich in den letzten Jahrzehnten ein "komplexes Repertoire von Methoden und Begriffen" (H.U. Gumbrecht) erarbeitet. In jüngster Zeit ist dort die Aufmerksamkeit für das zwar jederzeit fragile, aber deswegen doch nicht zugleich beliebige Verhältnis der repräsentatio zum Repräsentierten gewachsen und vom gedankenlosen Gerede um das "willkürliche Spiel von Signifikanten" (A. Erjavic) Abstand genommen worden. Von all dem zeigen sich Postmodernisten offensichtlich bislang unberührt oder unbeeindruckt. Unbefragt und wie selbstverständlich werden alle modischen Leitbegriffe und Lieblingsvokabeln des letzten Jahrzehnts intellektuell verhandelt, recycelt oder erneut herumgereicht wie z. B. "Virtualisierung", "Derealisierung", "Optionen", "Bastelexistenz" "Ästhetisierung", "Hyperrealität", "Referenzlosigkeit", "Transversalität" "Möglichkeitsräume", "Fragmentierung", "Fiktionalisierung", "Pluralität".

Zum anderen scheinen Postmodernisten immer noch keinen Weg gefunden zu haben, wie man sich untereinander darüber verständigt, was mit Postmoderne letztlich gemeint ist. Meint die condition postmoderne (paradoxerweise im Gestus und Stil einer großen Erzählung vorgetragen) die Abwesenheit von Metadiskursen und die Pluralität und/oder Transversalität (W. Welsch/M. Sandbothe) von Sprachen, Kulturen und Lebensstilen? Oder beklagt sie nur die Oberflächlichkeit und Verflachung (X.R. de Ventos) des ernsten Genres durch Massen- und Popkultur (W. Welsch)? Ist Postmoderne gar ein Epochenbegriff, die bereits mit Ende des 18. Jahrhunderts, der "Erfindung des Elektromagnetismus" beginnt (R. Barilli)? Wird damit vielleicht auf ein Altwerden der Moderne reagiert, eine Reflexivität und Selbstaufklärung der Moderne über sich selbst in Gang gesetzt? Setzt sich im Diffundieren postmodernen Denkens in unterschiedliche Genres möglicherweise eine "Intensivierung und Verfeinerung von Beobachtungen und Beobachtungsinstrumenten" durch, die nachgerade als Resultat eines "progressiven Kontingenzierungsprozesses" (S. J. Schmidt) zu lesen sind? Radikalisieren Postmodernisten mithin traditionelle Hermeneutiken, treiben sie ein "Spiel der Interpretationen" (G. Vattimo)? Ist Postmoderne bloß eine Selbstschreibung von Pluralisierungsvorgängen in den westlichen Gesellschaften? Oder versteckt sich dahinter nur die Apriorität der Post, der Vorrang der Übertragungswege vor aller Information?

Viele fromme Wünsche

Und so ist es kein Zufall, daß viele Beiträger ob dieser mißlichen Vorgaben postmoderner Philosophie sich in Leerformeln und hehre Gesten flüchten müssen und, statt mit methodensicheren, formbewußten und überzeugenden Analysen und Argumentationen auf die Frage nach media transforming reality zu antworten, haufenweise Messages unters Publikum streuen.

S. J. Schmidt erhofft sich beispielsweise vom Beobachterwechsel die Realisierung "einer transparenten Gesellschaft mit mehr Toleranz, Mobilität und Kreativität". Dem Intellektuellen schreibt er ins Stammbuch, "Menschen die Angst vor Kontingenz und Relativität zu nehmen", ihnen die "befreienden und humanisierenden Konsequenzen der second order cybernetics" schmackhaft zu machen. Worin angesichts solcher sprachlicher Hohlkörper Schmidts stetig wiederkehrendes, immer aber diffus bleibendes Ressentiment gegen bestimmte Medien- und Trendanalysen besteht, bleibt dabei ebenso unerfindlich wie es unerklärlich bleibt, warum ausgerechnet er das Fehlen einer "überzeugenden Modernisierungstheorie" beklagt. Mit Luhmanns Theorie der Gesellschaft liegt ein solches Werk längstens vor. Gerade hier hat der Soziologe in überzeugender Manier die Postmoderne mit dem Apriori und den Operationsweisen "unsichtbarer Maschinen" in Zusammenhang gebracht. Derrick de Kerckhove sorgt sich dagegen eher um die "Einheit des Planeten", die dem Publikum durch die Realitätseffekte des Massenmediums Fernsehen zu Bewußtsein gekommen ist. Ihn drückt mit Blick auf den schwunghaften Waffenhandel weltweit "ein vages Gefühl der Verantwortlichkeit", die die "Ökologie zur Religion von morgen" machen soll. Florian Rötzer wiederum erkennt im Computer nicht die Turingmaschine, sondern das "Spielzeug einer ludischen Kultur", die den Überbau der unsichtbar gewordenen Arbeitsgesellschaft regelt. Angesichts der Leichtigkeit, mit der Programmierer aller physikalischen, technischen und logischen Gegebenheiten zum Trotz komplexe Welten erzeugen, hofft er auf die Entwicklung und Erfindung "sozial- und umweltverträglicher Spiele mit neuen Regeln des Zusammenlebens". Für Gianni Vattimo erscheint die Welt der medialen Kommunikation "als eine von der Freiheit der Interpretation gekennzeichnete Welt." Er plädiert daher für eine "radikale Ästhetisierung der Existenz". Sie stelle "ein emanzipatives Ziel" an sich dar, weil nur sie die last frontier der Wirklichkeitsauflösung, die aktuell noch von den "Gesetzen des Marktes" markiert wird, überbieten kann. Auf Wirklichkeitsverlust müsse deshalb keinesfalls mit Trauer reagiert werden. Wolfgang Welsch schließlich interessieren die Rückkopplungen, die die elektronischen Welten im real life verursachen. Im Gegensatz zu Vattimos Überschreitungsgesten beobachtet er das Anwachsen des Wunsches nach "Kontrasterfahrungen" zum Leben im Netz. Die Adressen Botho Strauss und Peter Handke, Sten Nadolny und Bernardo Bertolucci, ihr elitäres Geraune über Langsamkeit und Stille, Müdigkeit und einmaliger Liebe sind Welsch zufolge Zeichen diverser "Eigensinnigkeiten" des menschlichen Körpers, seiner Sehnsucht nach unmittelbarer Erfahrung und "einer anderen Präsenz". Anders als bei Richard Shusterman oder Hans Ulrich Gumbrecht, die Körper und Körpererfahrungen durch andere Spielarten von Medien und Vermittlungen erzeugt sehen, sind das für den Magdeburger Kulturphilosophen Beweise für eine "wechselseitige Unsubstituierbarkeit von elektronischen und nicht-elektronischen Erfahrungswelten". Um sich damit nicht in einen performativen Selbstwiderspruch zu seinem Mem von einer angeblich unhintergehbaren Transversalität der Diskursgenres zu verwickeln, kommt Welsch zum Schluß seines bildungsbürgerlichen Abgesangs gar noch auf die "nomadische Existenz" zu sprechen, die "in unterschiedlichen Wirklichkeitstypen" lebt und darin herumstreift. Von "wirklichen" Nomaden, die gegenwärtig haus- und heimatlos mit Wohlstandskonstruktionen im Kopf an die Pforten der reichen Länder anklopfen, hört man dagegen nichts. Die Wiederholung des Jargons der 80er Jahre, der durch die Abwesenheit von Exklusion, Identitätssuche, Ethnisierung und Fundamentalismus charakterisiert war, nährt den Verdacht, daß es sich bei der Postmoderne und ihrer Philosophie auch um eine Theorie der Besserverdienenden handelt könnte.

Suche nach potentiellen Bündnispartnern

Auffallend ist, daß sich mancher Postmodernist der epistemologischen Mängel und Lücken seines Genres durchaus bewußt geworden ist. Um sie zu stopfen und zu schließen, wird darum verstärkt nach potentiellen Bündnispartnern Ausschau gehalten. Und hier scheint man inzwischen fündig geworden zu sein. Es ist, wie sollte es auch anders sein, der Radikale Konstruktivismus, der aus dem Umstand, daß Erkenntnis niemals unabhängig funktioniert, sondern immer schon mit anderen Erkenntisleistungen zeckiert ist, einen radikalen Schnitt zur Tradition vollzieht und im heroischen Gestus verkündet: "Erkenntnis ist nur möglich, weil sie keinen Zugang zur Realität außer ihr hat." Für viele scheint jedenfalls diese Abkopplung der Wahrnehmung von der Welt "da draußen", die Hinwendung zum umweltindifferenten, rekursiv geschlossenen Operieren des Gehirns und das radikale Wegkommunizieren zweitausend Jahre unnützer Reflexion mit der postmodernen Vorstellung von Pluralität, Möglichkeitssinn, Individualisierung usw. kompatibel zu sein. Aus der Annahme sozialer Konstruiertheit jedes Beobachtens und Beschreibens wird sogleich auf die Nicht-Existenz von Tatsachen und/oder Realitäten geschlossen. Nietzsches folgenreicher Ausspruch: "Es gibt keine Tatsachen, nur Interpretationen" ersetzt Wittgensteins Satz: "Die Welt ist alles, was der Fall ist". Sybille Krämer, die den Computer zuvörderst als Möglichkeitsmaschine entziffert, beobachtet tatsächlich große "Affinitäten zwischen Medientechnologien und der Philosophie des Radikalen Konstruktivismus, der klassische Beschreibungsmodelle umkehrt. Von phänomenalen Eigenschaften von Objekten wird nicht mehr auf physische zurückgeschlossen, sondern umgekehrt: phänomenale Eigenschaften werden zum Standard für die Erklärung primärer Qualitäten." Überraschend und mit den Behauptungen des Radikalen Konstruktivismus unvereinbar kommt dann allerdings ihre Schlußfolgerung daher, wonach sich im Formalismus der Turingmaschine eine "Ontologisierung des Kalküls" abzeichne. Diese wie auch jede andere Form von Ontologisierung, sei es das Kalkül als "Form der Schrift", sei es die Kognition als "formale Prozedur", meidet der Konstruktivismus aber wie der Teufel das Weihwasser.

Zwei Bonbons

Dennoch enthält dieser Band auch Bemerkenswertes. Es wird ausgerechnet von jenen Autoren produziert, die wenig bis nichts mit dem Postmodernismus zu tun haben. Dazu gehört, das knappe Statement Friedrich Kittlers, der sich um die Zukunft des Medienverbunds "Universität im Informationszeitalter" sorgt. Seitdem die Turingmaschine an den universitären Bildungsanstalten Einzug gehalten hat und sowohl die Natur- als auch die Geisteswissenschaften mit diesem Universalmedium arbeiten, gibt es große Chancen zu einer systematischen Vernetzung der vormals getrennt operierenden "zwei Kulturen". Ein Platzwechsel, so Kittler, könnte stattfinden: Humanwissenschaftler, im Umgang mit historischen Methoden geschult, könnten in die Naturwissenschaften, Techniker, in der Anwendung algorithmischer Verfahren ausgebildet, in die Kulturwissenschaften überwechseln. Zu beobachten sei aber das Gegenteil. Nicht nur, daß sich an den Universitäten unter dem Druck der Dekane gegenwärtig eine Re-Disiziplinierung des Wissens vollziehe, auch ein Abwandern des Wissens in die Privatwirtschaft sei an der Tagesordnung. Unter der Obhut des Privateigentums bliebe das Wissen über Chiparchitekturen und Quellcodes aber geheim, weil nur so massenhaft Greenbacks daraus hervorsprudelten. Um dem grassierenden Computeranalphabetismus an den Universitäten zu begegnen und die Kontrolle über das universitäre Wissen zu behalten, fordert Kittler deshalb die Ausbildung und Einstellung von Wissenswissenschaftlern, die dafür sorgen, daß "Programme mit frei verfügbaren Quellcodes" entwanzt und mit niedriger Fehlerrate entwickelt und Wissen auch "firmenunabhängig" gespeichert, verarbeitet und übertragen werden kann. Universitäten sollen, so sein angesichts der Aufsicht und Kontrolle der Universitäten durch staatliche Einrichtungen überraschende und idealistische Schluß, "den sichersten Schutz vor proprietären Lösungen" bieten.

Für das absolute Highlight aber sorgt Sepp Gumbrecht. Am (konkreten) Beispiel "American Football" expliziert er einen anderen Form- und Präsenzbegriff, der an die tausendjährige philosophische Tradition andocken und den Idealismus des sozialen Konstruktivismus vermeiden soll. Ausgangspunkt seiner minutiösen Argumentation ist die Beobachtung der kultischen Inszenierung wunderbarer "Körper-in-Bewegung" in den Bildschirmmedien, die das Publikum vor die Screens, die Zuschauer massenhaft in die Sportarenen locken. Die Fußball-WM in Frankreich, das buchstäbliche Leiden an und mit der Tour de France bestätigen dies. Herkömmliche Theorien operieren an dieser Stelle mit dem Begriff der "Mimesis". Sie lesen das Faszinosum "Sport" als Darstellung, die interpretiert und entziffert werden muß. Gumbrecht hält das für wenig aussichtsreich. Stattdessen schlägt er den Weg über "das Andere der Mimesis" ein. Dafür reaktualisiert er zunächst eine divinatorische Grundgeste. Im Transsubstantialismus mittelalterlicher Theologie wird der Leib Christi durch Brot und Wein materiell präsent gemacht. Das Wandlungsritual produziert eine Präsenz, die die Dinge in eine räumliche Nähe rückt und sie für die Teilnehmer am Ritual wieder berührbar macht. Streng grenzt er diesen räumlichen Begriff von Präsenz von dem "realer Gegenwärtigkeit" ab, die die Dekonstruktion vehement attackiert hat. Derridas Nachweis prinzipieller Unmöglichkeit mentaler Selbst-Präsenz oder Selbst-Transparenz des Bewußtseins führt schnurstracks zum Un-Darstellbaren, zur "Exteriorität" (Materialität) der Sprache. Der nicht-hermeneutische Blick macht auf die Einzigartigkeit der jeweiligen Signifikantenkonfiguration (Handschriften, Buchdruck, playbooks, Algorithmen) aufmerksam. Die "Produktion von Präsenz" und die Konstitution von Formen erscheinen unter ihm in einem anderen Licht. Beim Mannschaftssport schreiben sich Spielzüge (Formen) auf das Spielfeld, entweder gelungene oder mißlungene, eingeübte oder überraschende. Von Spielern oder Mannschaftsteilen werden sie in Bewegung gebracht, die diese nach Taktik und Strategie des Trainers meist präzise, manchmal auch intuitiv und unerwartet, spontan oder genial auf das Spielfeld zaubern. Dem Zuschauer bleiben diese technbisch-taktischen Finessen, die die Formen (offensiv/defensiv) ins Werke setzen, weitgehend verborgen. Er sieht die "Form eines Spielzugs als reines Oberflächenphänomen". Für Gumbrecht kommt durch diese Aktionen "Ereignishaftigkeit" (Kontingenz) ins Spiel. Es gibt etwas (Spielzüge), die einen Raum einnehmen, und nicht vielmehr nichts. Diese "verkörperten Formen" bieten eine neue und interessante Alternative zu Luhmanns körperlosen Formbegriff, der nur die Gleichzeitigkeit von Selbst- und Fremdreferenz bezeichnet. Präsenz zu produzieren heißt für den Stanford Professor, den Zusammenfall von Ereigniseffekten und verkörperter Form zu denken. Im ereignishaften Charakter des Spiels äußert sich für ihn die "Epiphanie der Form", die die Zuschauer in ihren Bann zieht. Dieser kollektive Rausch wird massenmedial inszeniert, der Zuschauer genießt, Sponsorengelder fließen und (so muß man ergänzen) die Gewinnmargen des medizinisch-industriellen Komplexes (Doping) steigen.

Implizite Selbstwidersprüchlichkeiten

Von Aufklärungsgesten, die die Herausgeber in der Konstruktivität von Medien ausmachen, ist hier wenig zu spüren. Sorgsam meiden Kittler und Gumbrecht die Vokabeln "aufklärerisch" und "emanzipatorisch". Von "Chancen zur Entwicklung eines kritischen und emanzipatorischen Umgangs mit elektronischen Medien" (Vattimo/Welsch) wollen sie nichts wissen. Es überrascht daher nicht, daß die Herausgeber den Faden der "Dialektik der Aufklärung" wiederaufgreifen. Nicht aber, um ihn wie Horkheimer/Adorno in Richtung Manipulation und organisiertem Massenbetrug weiterzuspinnen. Die "medialen Ästhetisierungsprozesse" bilden für Vattimo/Welsch vielmehr "den Horizont für eine befreiende...und plural-emanzipatorische Wirklichkeitserfahrung. Die mediale Form der Wirklichkeitskonstruktion bringt die Interpretativität aller Wirklichkeitsbilder zum Bewußtsein." Sofern diese "Ästhetisierung der Epistemologie" auch für das postmoderne Philosophieren über Medien gilt, ist gegen soviel Euphorie über globale Vernetzung und die Emergenz der virtual realities nichts einzuwenden. Nach der Lektüre hat man aber nicht den Eindruck, daß die Herausgeber bereit sind, soviel Selbstbezüglichkeit zuzulassen.


Gianni Vattimo/Wolfgang Welsch (Hg.), Medien-Welten Wirklichkeiten, München: Fink Verlag 1997, 258 Seiten, 48 Mark.